Mal was nicht unbedingt Marketing affines... Grad' lese ich im heise Newsticker über die "Digg-Tragödie" (warum das eine wirkliche Tragödie ist, dazu gleich mehr). Was ist passiert? Also...
| "Nachdem ein Moderator der Social-News-Seite Digg.com Beiträge, die den so genannten Processing Key von HD-DVDs im Klartext enthielten, gelöscht hat, wird [Digg] seit dem 1. Mai mit "Diggs" zu diesem Thema überhäuft. Die Nutzer verleihen ihrem Ärger über das Löschen der Beiträge Ausdruck, indem sie einerseits Blog-Beiträge, die den Key enthalten, oder Berichte über das nach ihrer Meinung nach falsche Vorgehen von Digg.com selbst "hochwerten". (Quelle: heise.de) |
Mittlerweile löscht Digg die Beiträge nicht mehr, da es einfach zu viele Nutzer gibt, die sie umgehend wieder eintragen und hochbewerten. Mitgründer Kevin Rose kommentierte die Entscheidung, dass Digg.com keine Beiträge mehr löschen werde, dann auch ein wenig resignierend mit der Aussage, dass die Nutzer den Dienst offenbar lieber "kämpfend untergehen sehen als sich mit Zensur abzufinden".
Was ist da passiert? Für Außen stehende und Nicht-Kenner von Digg mag die Bedeutung dieses Falls nicht gleich desaströs sein. Doch sie ist es!
Kurz ein paar Worte zu Digg: Der Dienst bietet Nutzern die Möglichkeit Artikel, die sie interessant finden als "wichtig" zu markieren ("diggen"). Je mehr Leute den gleichen Artikel ebenfalls diggen, desto höher steigt das Ranking und damit die Sichtbarkeit des Artikels auf Digg.com. Ein klassisches Beispiel für "funktionierendes Web 2.0", dass es auch schon in Deutschland gibt (siehe webnews.de).
In seinen Nutzungsbedingungen schließt Digg jedoch die Einstellung von Gewalt verherrlichenden, sexuellen und illegalen Inhalten aus, doch genau hier ist der Knackpunkt. Bei den Processing Key von HD-DVDs handelt sich um die Schlüssel zur Kopie von urheberrechtsgeschützten Inhalten (DVDs). Also per Gesetz: "extrem" illegalen Inhalten. Und das ist die Zwickmühle. Durch das Nutzer basierte Modell ist es Digg nicht möglich, generell zu verhindern, dass jemand ähnliche bzw. gleiche Artikel erneut diggt. Das Urheberrecht verbietet es Digg aber solche und ähnliche Inhalte anzubieten. Mit diesem Problem haben fast alle nutzerbasierten Geschäftsmodelle des Web 2.0 zu kämpfen.
Die eigentliche Tragödie ist daher auch eine rechtliche: Der steigenden Vernetzung und Einbringung der Konsumenten als Inhalteproduzenten, -filter und -vermischer sind die Urhebergesetze "der Welt" in der derzeitigen Form nicht mehr gewachsen.
Prof. Dr. Nikolaus Forgó hat dies jüngst auf der TRIM-Tragung "Online-Trust" sehr gut versinnbildlicht:
| "Man schaue sich nur Youtube an - ca. 120 Mio. Downloads zählt der Dienst pro Tag. Wenn nur 0,5% davon urheberrechtlich geschützte Inhalte umfassen (also Musikvideos, Fernsehausschnitte, etc.), dann sind das 60.000 Gesetzesvertöße pro Tag, 1,8 Mio. im Monat und über 54 Mio. pro Jahr. Gehen wir nun davon, dass es 10 Min. dauert einen Fall anwaltlich protokollieren zu lassen, dann dauert es (8 Std. Arbeitstage angenommen) allein 1,1 Mio. Personentage nur die Gesetztesverstöße von Youtube zusammenzustragen (und das nur aus einem Jahr und bei konstanten Abrufzahlen)." |
Zahlen, die viele Web 2.0 Dienste ad absurdum führen, denn nicht einmal alle Anwälte Eurpoas und der USA zusammen dürften es gemeinschaftlich schaffen, dieses Arbeitsvolumen zu meistern.
Was also tun? Mmmh... ein schwierige Frage, auf die ich keine Antwort weiß. Am besten hat es noch John Perry Barlow in seiner "Declaration of the Independence of Cyberspace" ausgedrückt...
| "Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather. [...]" |
Doch ist das eine gangbare Lösung? In diesem Sinne...
Siehe hierzu auch...(via ConnectedMarketing)
- Artikel bei Spiegel Online
- Thomas Knüwer dazu: "Vielleicht ist dies ein historischer Tag in der Geschichte des Internet. Denn hier zerrt ein Lynch-Mob vielleicht sein eigenes Kind ins Fegefeuer."
- Robert Basic dazu.

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